Digitale Transformation an der FH CAMPUS 02: Michael Georg Grasser im Gespräch

Als Leiter Digitalisierung und IT-Services hat Michael Georg Grasser maßgeblich an der Digitalisierungsstrategie der FH CAMPUS 02 mitgearbeitet. Wie die Hochschule ihre Organisation dafür strukturell verändert hat und wie die Lehre und das Lernen in Zukunft funktionieren werden, erzählt er im Interview.

von Isabella Zick
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Im vergangenen Jahr hat die FH CAMPUS 02 ihre allumfassende Digitalisierungsstrategie vorgestellt. An der Entwicklung dieser Strategie und der Umstrukturierung der gesamten Organisation im Sinne der Digitalisierung beteiligt war FH-Hon.Prof. Dr. Michael Georg Grasser. Er ist Honorarprofessor für Wirtschaftsinformatik, Abteilungsleiter an der FH CAMPUS 02, Lehrbeauftragter, Digitalisierungsexperte – Grasser ist vieles, vor allem aber leidenschaftlich daran interessiert, mit den Möglichkeiten neuer Technologien die Lehre und das Lernen auf ein neues Level zu heben. Wir haben mit Ihm über diese Digitalisierungsstrategie, Leuchtturmprojekte seiner Fachhochschule und die Hochschule der Zukunft gesprochen.

Digitalisierung im Hochschulsektor ist nicht erst seit der Pandemie in aller Munde. Warum hat die FH CAMPUS 02 die Digitalisierung nun besonders stark in ihrer Strategie verankert?

Grasser: Hochschulen haben schon immer Innovation und Errungenschaften für die Menschheit hervorgebracht. In unserem aktuellen Jahrhundert ist die digitale Transformation eine der größten Revolutionen, die zu enormen Herausforderungen aber auch Chancen führt. Wir als FH CAMPUS 02 wollen diese Herausforderungen annehmen und mit einer gezielten Digitalisierungsstrategie daran arbeiten. Damit können wir uns nachhaltig für die Zukunft positionieren und in einem digitalen Zeitalter bestehen.

Bei Digitalisierung spricht man oft auch von einer Steigerung der Effizienz. Wie profitiert eine Hochschule von den Vorteilen der Technologie?

Wenn man die Technikpotenziale der Digitalisierung nutzt, entsteht ein riesiger Handlungsspielraum. Dieser Handlungsspielraum muss aber nicht nur technisch möglich gemacht werden, da spielt auch die Organisation ganz stark hinein. Das bedeutet, dass Prozesse und Organisationen aufgebrochen und neu gedacht werden müssen. Und das muss auch gelebt werden – mit neuen Ideen. Nicht weil die Software diese Organisation vorgibt, sondern weil durch digitale Transformation die ganze Organisation verschlankt, verbessert und effizienter aufgestellt werden kann.

Sie haben die „neue Ideen“ an der FH CAMPUS 02 angesprochen. Bei zwei Ideen durften wir mit Studo Seite an Seite bei der Entwicklung dabei sein. Auf welche Projekte sind Sie besonders stolz?

Wir haben in den letzten Jahren mehrere Leuchtturmprojekte umgesetzt. Intern haben wir zum Beispiel einen enormen Cloud-Shift gemacht. Die interne Kommunikation, Kollaboration und Datenorganisation wurden dafür auf Microsoft Teams verlagert.

Projekte mit einer größeren Außenwirkung sind der elektronische Studierenden- und Mitarbeiter*innenausweis und die digitale Anwesenheitsliste. Der elektronische Ausweis erspart uns enormen Aufwand bei der Erstellung der Karten und er ist nachhaltig, weil er über das Smartphone abrufbar ist, das sowieso jeder dabei hat.

Als Präsenzanbieter müssen wir natürlich auch die Präsenz der Studierenden erheben. Das wurde üblicherweise über das Einchecken per Karte geregelt – wie beim klassischen Einstempeln zur Arbeit. Die Flexibilität dieser Lösung endet aber bei Online-Unterricht. Wir wollten eine Lösung für beide Fälle und haben daher mit Studo die digitale Anwesenheitsliste entwickelt. Über einen QR-Code kann vor Ort oder online in die Lehrveranstaltung eingecheckt werden. Das wird in unserem System gematcht und errechnet automatisch die Präsenzquote. Der administrative Aufwand wird damit enorm reduziert.

Mit der digitalen Anwesenheitsliste können Studierende per QR-Code in die Lehrveranstaltung einchecken – egal ob in Präsenz oder online.

Wie wurden diese ganzen Neuerungen von den Lehrenden und Studierenden angenommen?

Zu Beginn war es schon eine große Umstellung. Es war ungewohnt, aber gerade in Bezug auf die Online-Lehre ein großer Mehrwert. Am Anfang also insgesamt etwas kritisch, jetzt aber etabliert und das ist sehr schön.

Was ist Ihre Einschätzung als Digitalisierungsexperte: Wie sehr hat die Pandemie die Digitalisierung an Hochschulen beschleunigt?

Um es in den Worten der Pandemie auszudrücken: Die Pandemie war der Booster der IT. Ich bin davon überzeugt, dass die Digitalisierung einen massiven Schub bekommen hat. Das haben wir auch bei unseren Partnerunternehmen – zum Beispiel bei Studo – gesehen. Wir mussten von einem Moment auf den anderen alles umstellen: In der Lehre und der Verwaltung haben wir auf starkes bis voll autarkes Homeoffice gesetzt. IT-Transitionsprozesse mussten dadurch schnell durchgeführt werden. Schnelle Genehmigung, schnelle Entscheidung, schnelle Planung, schnelle Umsetzung – dabei nur ja nicht nicht auf die Qualität vergessen!

Wenn Sie kritisch zurückblicken: Haben sich die Hochschulen zu lange auf der reinen Präsenzlehre ausgeruht?

Ich glaube, dass eine kritische Retrospektive notwendig ist, um eine optimale Zukunft zu generieren. Kritisch zu hinterfragen ist also gut. Ich bin davon überzeugt, dass sich keine Hochschule auf der Präsenzlehre ausgeruht hat. Es war aber ein starker Fokus auf reiner Präsenzlehre – auch historisch bedingt.

Wie könnte es denn in Zukunft aussehen?

Eine reine Präsenzhochschule, eine reine digitale Hochschule – diese Extremen werden leicht verschwimmen. Der Fokus wird bleiben, als FH CAMPUS 02 bleiben wir beispielsweise eine Präsenzhochschule mit virtuellen Elementen. Aber ich denke, dass es mehr Überschneidungen im Sinne von hybrider oder dualer Lehre geben wird – und damit erreicht man dann ganz verschiedene Lehr- und Lernformate.

Michael Georg Grasser - Foto: FH CAMPUS 02

FH-Hon.Prof. Dr. Michael Georg Grasser war nach seinen Studien Informationsmanagement, Telematik, General und Public Management in verschiedenen nationalen und internationalen Leitungsfunktionen tätig. Neben der erfolgreichen Einführung von SAP in der Automobilindustrie gehörten auch die strategische Ausrichtung und das Insourcing der IT eines Industriekonzerns zu seinen bisherigen Tätigkeiten. Er war viele Jahre als Bereichs- und Betriebsleiter für IT-Operations eines internationalen Gesundheitsdiensteanbieters für die digitale Transformation und zur Erreichung der Technologieführerschaft verantwortlich. FH-Hon.Prof. Dr. Grasser ist seit 2019 Leiter Digitalisierung und IT-Services und FH-Honorarprofessor für Wirtschaftsinformatik an der CAMPUS 02 Fachhochschule der Wirtschaft. Er lehrt nebenberuflich auch an mehreren Fachhochschulen und Universitäten unter anderem Projektmanagement, IT-Infrastructure Management, Strategic IT-Management, Unternehmensführung und Entrepreneurship & Leadership.

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