Europäische Hochschulen: Herausforderungen und Chancen der „European Universities Initiative”

Sie sind die wohl größte Initiative der EU zum Aufbau eines europäischen Bildungsraums: die Europäischen Hochschulen. Wie sollen diese internationalen Hochschulallianzen funktionieren und welche Herausforderungen bringt dieses EU-weite Projekt mit sich?

von Isabella Zick
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In der schwedischen Stadt Göteborg wurde 2017 der Grundstein für das Projekt „European Universities Initiative” gelegt. Rund 20 tiefgreifende Hochschulnetzwerke sollten entstehen, die „zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hochschulen beitragen” – so das Ziel beim damaligen Zukunftsgipfel für Bildung und Kultur. Mittlerweile hat man das Ziel von 20 Europäischen Hochschulen übertroffen: 41 Hochschulallianzen haben sich für das Projekt gemeldet und sollen bis 2027 die Initiative im Rahmen von Erasmus+ umsetzen.

Was ist eine Europäische Hochschule?

Eine Europäische Hochschule ist eine Allianz aus mindestens drei Hochschulen aus mindestens drei EU-Staaten oder Ländern, die Teil des Erasmus+ Programms sind. Diese Allianzen, die oft auch einen thematischen Schwerpunkt teilen (zum Beispiel zu den Themen „Sozialer Wandel”, „Nachhaltigkeit”, „Entrepreneurship” oder „Technische Ausbildung”), sollen eine Strategie für die langfristige und nachhaltige Zusammenarbeit entwickeln. Das Projekt wird von Erasmus+ und Horizon Europe mit einem Budget von knapp 287 Millionen Euro gefördert.

Ziele der Europäischen Hochschulen

Wie bereits genannt, sollen die Europäischen Hochschulen die Qualität und Wettbewerbsfähigkeit der Hochschulen in der EU steigern. Dazu kommen natürlich auch ideelle Ziele wie die Förderung europäischer Werte und der Identität als Europäer*in. Studierende an Europäischen Hochschulen sollen „durch eine Kombination von Studien in mehreren EU-Ländern einen Studienabschluss erwerben” können. Und auch Forschende an den Hochschulen werden durch das Projekt vernetzt, um „die größten Probleme zu bewältigen, mit denen Europa heute konfrontiert ist”. Die Ziele der gesamten Initiative werden noch um individuelle Ziele ergänzt, die sich die einzelnen Allianzen selbst gesetzt haben.

Bis 2027 sollen die European University Alliances umgesetzt werden. - Foto: David Jakab, Pexels

Alles in allem steckt hinter den Europäischen Hochschulen ein hohes Ideal - aber wie kann das Projekt tatsächlich realisiert werden? Welche administrativen, rechtlichen oder kulturellen Herausforderungen kommen auf die einzelnen Allianzen zu? Darüber haben wir mit Dr. Siegfried Walch gesprochen. Er repräsentiert das Management Center Innsbruck (MCI) in der European University Ulysseus.

Für Studierende: Herausforderungen der Europäischen Hochschulen

In Zukunft erhalten Absolvent*innen von Europäischen Hochschulen einen „Europäischen Studienabschluss”. Diesen erarbeiten sie sich durch flexible Curricula und das „nahtlose” Studieren und Sammeln von praktischen Erfahrungen an den verschiedenen Standorten. Als Grundlage dafür braucht es, neben den administrativen Systemen, auf die wir gleich eingehen wollen, ein Studiengesetz und eine Studienordnung, die für die Europäischen Hochschulen gilt. Aktuell gibt es in jedem Land ein eigenes Universitätsgesetz, das wohl für dieses Projekt um ein EU-weites Studiengesetz ergänzt werden muss. Dasselbe gilt für die Studien- und Prüfungsordnung, die sich wiederum auch innerhalb eines Landes von Hochschule zu Hochschule unterscheiden kann. Vor dem Start des paneuropäischen Studierens sollte also eine möglichst solide rechtliche Grundlage für die Studierenden geschaffen werden.

Für Siegfried Walch sind hier die bereits vorhandenen Erfahrungen in internationalen Studiengängen entscheidend: „Der European Approach erlaubt schon jetzt die Konzeption gemeinsamer Studiengänge. Die dabei entwickelten Best Practice-Lösungen aller beteiligten Hochschulen muss man mit den nationalen studienrechtlichen Rahmenbedingungen in Einklang bringen. Die Voraussetzung dafür ist eine enge Abstimmung mit dem Wissenschaftsministerium und allen österreichischen Hochschulen, die Teil der European University Alliance sind - dazu gibt es bereits laufende Gespräche.”

Eine weitere Frage ist die rechtliche Grundlage für die Arbeit von Studierendenvertreter*innen - in Österreich ist das die Österreichische Hochschüler*innenschaft (ÖH) -, die sich für die Rechte von Studierenden einsetzen, aber auch verschiedenste Beratungstätigkeiten übernehmen. Auf europäischer Ebene gibt es dafür die European Students’ Union (ESU), die sich auch im Projekt der Europäischen Hochschulen einbringt. Sie sieht mehrere Herausforderungen in der Initiative:

Kritik der European Students’ Union am Projekt

Kritisch sieht die ESU zum Beispiel ein fehlendes gemeinsames Verständnis für den „European Degree”. Denn eigentlich sind alle Hochschulen teil der European University Association (EUA) und vergeben daher „Europäische Abschlüsse". Für die ESU stellt sich die Frage: Wie unterscheiden sich die Abschlüsse an den Europäischen Hochschulen von anderen Studienabschlüssen? Walch von der European University Ulysseus sagt dazu: „Ja, Gemeinsame Abschlüsse europäischer Universitäten gibt es schon jetzt in verschiedenster Form. Die Abschlüsse einer European University werden sich davon nicht unterscheiden. Neu ist, dass auf dem Diplom die Logos und Siegel der am Programm beteiligten Hochschulen um ein Logo der jeweiligen European University ergänzt werden - quasi ein Qualitätslabel, das zeigt, dass diese Programme auf einer engen Zusammenarbeit der beteiligten Hochschulen in Forschung, Lehre und Organisation basieren.”

Wer ein Studium an einer European University absolviert, erhält einen „European Degree". Aber was bedeutet das, fragen sich Kritiker*innen. - Foto: Pexels

Bei der Entwicklung der neuen Hochschulen und in der Qualitätssicherung appelliert die ESU auch, die Studierenden unbedingt in die Projekte einzubinden. Das passiere aktuell noch kaum, dabei seien die Studierenden eine der wichtigsten Stakeholder-Gruppen. Eine weitere Frage, die sich der ESU stellt, ist die Sicherstellung der Mobilität: Studierende, Lehrende und Forschende sollen „seamless mobility” genießen – virtuell, aber auch physisch. Wie kann man gewährleisten, dass die Studierenden an den verschiedenen Standorten die gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten haben?

Für Hochschulen: Herausforderungen der Europäische Hochschulen

Bis 2027 sollen die European Universities umgesetzt sein. Siegfried Walch stellt sich die European University Ulysseus in diesem Jahr so vor: „2027 werden den Studierenden in Ulysseus neue Formen der Studierendenmobilität angeboten. Neben den bewährten Auslandssemestern werden Studierende aus zahlreichen Dual, Double oder Joint Degrees mit integrierten Studienaufenthalten an einer oder auch mehreren Partnerunis wählen können. Außerdem können die Studierenden laufend an einzelnen Lehrveranstaltungen, Gastvorträgen oder sogenannten extracurricularen Veranstaltungen an den Partnerunis einer Allianz teilnehmen.” Auch in der gemeinsamen Forschung soll sich einiges tun: Bei der Einrichtung gemeinsamer Studiengänge oder bei der Bewerbung um Forschungsprojekte will man aufeinander abgestimmt sein und gemeinsam auftreten.

Für das Management Center Innsbruck sieht Walch viele Möglichkeiten: „Wertschöpfung basiert auf Innovation, Innovation auf Kreativität und Kreativität benötigt die Vernetzung vielfältiger Einflüsse und Ideen. Studierende und Forschende werden sich noch mehr als bisher international vernetzen. Die Vielfalt an Einflüssen und Ideen wird durch die laufende Zusammenarbeit von Studierenden, Lehrenden und Forschenden in der European University Ulysseus vermehrt.” Als „Schnellboot in der Flotte“ von Ulysseus möchte das MCI damit zur Wettbewerbsfähigkeit von Europa, Österreich, Tirol und Innsbruck beitragen.

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