Wie studieren wir morgen? Martin Ebner und Viktoria Pammer-Schindler über die Zukunft der Lehre

Wie verändert sich die universitäre Lehre und worauf kommt es im Studium von morgen an? Im Interview sprechen e-Learning-Experte Priv.-Doz. Dr. Martin Ebner und Ass.-Prof. Dr. Viktoria Pammer-Schindler über ihre Lehre an der TU Graz, Veränderungen durch die Pandemie und Chancengleichheit. Und sie stellen klar, worum es in der Diskussion „Präsenz vs. Digital” eigentlich gehen sollte.

12.09.2022

von Isabella Zick

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Wir sitzen in einem Tonstudio mitten im Campus der Technischen Universität Graz. Hier in der Abteilung Lehr- und Lerntechnologien unterstützt man Lehrende beim Streamen von Lehrveranstaltungen oder Erstellen von Podcasts und Videos. Das Team ist aber auch zentrale Anlaufstelle für alle Fragen rund um Medienpädagogik und -didaktik. Um digitale Medien in der Lehre soll es auch im heutigen Interview gehen. Aber nicht nur: Die Zukunft der Lehre und die Frage, wie und wo man in einigen Jahren studieren wird, stehen im Mittelpunkt. Antworten werden auf diese Fragen Assoz. Prof. Dr. Viktoria Pammer-Schindler und Priv.-Doz. Dr. Martin Ebner. Pammer-Schindler ist Lehrende an der TU Graz und forscht im Bereich Informatik zu Interactive Systems und Data Science. Ebner leitet die Abteilung Lehr- und Lerntechnologien, ist e-Learning-Experte und Gründer der Bildungsplattform iMooX.

Die Technische Universität Graz gilt in Sachen digitaler Lehre als Vorreiterin. Was sind die wichtigsten Schritte, die die TU Graz in Sachen Digitalisierung für Lehre und Studium gesetzt hat – vor der Pandemie und heute?

Viktoria Pammer-Schindler: Schon lange vor der Pandemie hatte die TU Graz eine gute digitale Infrastruktur. Mit unserem Campus-Management-System, der Abteilung Lehr- und Lerntechnologien und dem TeachCenter als Lernplattform sind wir gut ausgerüstet. Durch Corona kam es zusätzlich zu einem Mindset-Switch: Man ist bei Meetings flexibler bei der Frage präsenz, online oder hybrid – so einfach und selbstverständlich war das vor der Pandemie nicht.

Martin Ebner: Wir haben tatsächlich kaum neue Systeme aufgrund der Pandemie einführen müssen. Aber wir hatten massive Hardware-Umstellungen. Von 20 auf 100 % Online-Lehre ist schon ein enormer Umstieg. Bei Lehrenden, die davor keine digitalen Tools für ihre Lehre verwendet haben, mussten wir natürlich Kompetenzen aufbauen. Da war viel Druck bei uns, weil das Ganze über Nacht umgesetzt werden musste.

Unterstützung für die Lehre gibt es von der Abteilung Lehr- und Lerntechnologien.

Wie hat sich diese Umstellung auf die Qualität der Lehre ausgewirkt?

Pammer-Schindler: Corona war für die Lehre wie ein Booster-Feld bei einem Autorennspiel.

Ebner: Wir konnten innerhalb kürzester Zeit 90 % der Lehre digital abbilden. Ohne die Pandemie hätte das bestimmt noch mindestens zehn Jahre gedauert. Man muss aber auch sagen: Wir reden hier immer von Emergency-Remote-Teaching. Es war eine Notfall-Situation und wir haben notfallmäßig umgestellt. Im Notfall qualitativ hochwertige digitale Lehre leisten zu können, wie wir uns das idealerweise vorstellen würden, ist so aber nicht möglich gewesen und wäre eine falsche Erwartungshaltung.

Herr Dr. Ebner, sind Sie als e-Learning-Experte froh, dass digitale Lehre durch die Pandemie nun viel breiter diskutiert wird?

Ebner: Froh bin ich dann, wenn wir nicht mehr über „Präsenz” und „Digital” sprechen müssen. Wenn wir an der Universität ganz selbstverständlich von guter Lehre sprechen und es völlig normal ist, dass Lehre digitale und Präsenz-Elemente beinhaltet. Ich weiß nicht, warum man das immer so explizieren muss. Zuerst haben wir nur über Digitalisierung gesprochen. Jetzt heißt es, wir brauchen Präsenzuni. Wir müssen eigentlich Bildung machen, das ist das wichtigste. Und Bildung muss ich so machen, dass es die Situation am besten unterstützt. Wenn wir an diesem Punkt sind, werden wir auf ein neues Level kommen: Wir werden über Qualität und qualitätsvolle Lehre sprechen. Darauf würde ich mich viel lieber konzentrieren. Keine Entweder-oder-Fragen zwischen Präsenz und Digitalisierung.

Wenn nicht mit der Frage nach Präsenz oder Digital – mit welchen Fragen sollte sich eine Universität im Sinne der Lehre dann beschäftigen?

Pammer-Schindler: Ich finde die Frage, wie und wo man miteinander arbeitet nicht unwichtig. Vielleicht ist es in hundert Jahren egal, an welchem Ort man zusammenkommt – ob gleichzeitig oder asynchron. Heute gibt es aber Shared Agreements, dass gewisse Prozesse unbedingt in Präsenz stattfinden müssen. Zum Beispiel die ersten Veranstaltungen für Erstsemestrige oder die Laborübungen. Wir wollen aktuell noch nicht so digital sein, dass man quasi nur von daheim/der Ferne aus studieren kann.

Ebner: Eine wichtige Frage für mich ist: Wie kann man mehr Menschen an Bildung teilhaben lassen? Dahin muss man sich entwickeln.

Martin Ebner und Viktoria Pammer-Schindler lehren und forschen an der TU Graz.

Mit welchen digitalen Maßnahmen kann man die Chancengleichheit an der Universität fördern?

Ebner: Man könnte die Lehre flexibler denken. Im aktuellen System sind wir sehr Lehrenden-zentriert: Jede*r hat fixe Zeiten und Lehrleistungen. Um andere Chancen zu bieten, müsste man darüber nachdenken, wie man Studienprogramme flexibler gestalten kann. Zum Beispiel indem man Randzeiten, also Abende oder Wochenenden nutzt, anstatt nur Sprechzeiten von 9 bis 12 Uhr anzubieten. Außerdem muss man überlegen, was in der Lehre synchron sein muss und was asynchron sein kann. Da kann man neue Pakete schnüren.

Pammer-Schindler: Diese Flexibilisierung geht mir ein bisschen zu sehr in Richtung Entgrenzung, die ich aus meiner Forschung zu Future of Work kenne. Ich bin hier skeptisch, denn die Gefahr besteht, sowohl Studierende als auch Lehrende dadurch zu überfordern – aus der Möglichkeit, zu allen Zeiten mit allen zu interagieren ergibt sich sehr rasch die Erwartung, zu allen Zeiten zu lernen und zu arbeiten.
Man kann aber natürlich große Vorlesungen aufnehmen oder streamen. So nimmt man auch jenen nichts weg, die in Präsenz kommen wollen; und ermöglicht Studieren auch denjenigen, die das aus verschiedenen Gründen nicht können. Man sollte diese ganzen Entwicklungen aber auch nicht immer nur auf die Digitalisierung schieben. Wir werden an der Universität gerade immer verschulter mit mehr Anwesenheitspflichten. Zu meiner Studienzeit – ich habe vor ca. 20 Jahren studiert – gab es sehr viele Vorlesungen, zu denen man kommen konnte oder nicht. Bis auf ein, zwei Labore und die Prüfungen, für die ich an die Uni kommen musste, hätte ich eigentlich von überall aus studieren können. Diese Freiheit finde ich erhaltenswert.

Wie sieht die Zukunft der Lehre aus?

Warum sehen Sie eine Flexibilisierung der Lehre kritisch?

Pammer-Schindler: Bildung auf hohem Niveau fordert ein großes Commitment von den Studierenden. Man kann sich Wissen auf hohem Niveau nur durch den Einsatz von viel persönlicher Zeit, Energie und Aufmerksamkeit aneignen. Das geht nicht so nebenbei und zusätzlich zu tausend anderen Sachen. Natürlich ist es in manchen Lebenssituationen nicht so einfach, dieses Commitment zu bringen. Da würde ich es für sinnvoll halten, die (Studier-)Geschwindigkeit etwas herauszunehmen – es sollte nicht jede*r 30 ECTS pro Semester machen müssen. Man darf das nicht kleinreden:
Wie auch in der Arbeitswelt verleiten uns digitale Technologien zu der Annahme, dass man mehrere Sachen gleichzeitig machen kann – so wie man mehrere Fenster im Browser gleichzeitig offen hat. Das ist falsch. Die Bildung und das Wissen, das wir an der Universität vermitteln, ist nicht einfacher geworden.

Wie soll das Studieren und Lehren an der TU Graz Ihrer Meinung nach in einigen Jahren aussehen?

Ebner: Vor zwei Jahren hätten wir uns bei dieser Frage sehr verschätzt.
Grundsätzlich muss man sich als Universität fragen, wie man am globalen Bildungsmarkt mithalten kann. Das Bildungsumfeld ist massiven Veränderungen unterworfen und man muss als Universität auch auf die Forderungen des schnelllebigen Marktes achten. Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung, Menschen zu bilden. Wenn sich der Markt dann aber selbst heranzieht, was er an Kompetenzen braucht, stellt sich schon die Frage, was die Rolle einer Universität in so einem Markt ist. Google bildet ja beispielsweise Entwickler*innen schon selbst aus. Wofür sind wir verantwortlich, wie halten wir mit? Diese Fragen muss man sich jetzt immer mehr stellen, gerade in Zeiten wie diesen.

Pammer-Schindler: Die Universitäten als Modell sind meiner Meinung nach gut und bewährt, müssen aber natürlich mit der Zeit gehen. Wir sind lokale Wissens- und Innovationsträger und können durch die staatliche Förderung relativ frei zugängliche Bildung auf hohem Niveau bieten. Das gilt es unbedingt zu bewahren. Es ist intelligent, Wissen lokal auf hohem Niveau zu haben, vermitteln und neu erzeugen. Weil möglicherweise brauchen wir das einmal bei uns. 

Vielen Dank für das Gespräch.

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