Digitale Lehre an der Ruhr-Universität Bochum: Kornelia Freitag zur Digitalisierungsstrategie

Als Prorektorin für Lehre und Studium legte Kornelia Freitag den Grundstein für die Digitalisierungsstrategie der Ruhr-Uni Bochum. Wie die Universität diese Transformation vorantreibt und wie Studierende und Lehrende daran gemeinsam arbeiten, erzählt sie im Interview.

von Isabella Zick
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Bereits 2018 hat die Ruhr-Universität Bochum (RUB) eine große Digitalisierungsstrategie für die Lehre vorgelegt. Darin sieht man Digitalisierung als Instrument, um neue didaktische Möglichkeiten zu schaffen – durch Zusammenarbeit von Lehrenden und Studierenden.
Vier Jahre und Corona-bedingte Fernlehre später erzählt Prof. Dr. Kornelia Freitag von den Fortschritten der digitalen Lehre an der Ruhr-Universität Bochum. Sie ist seit 2016 Prorektorin für Lehre und Weiterbildung an der RUB und maßgeblich für die Strategieentwicklung verantwortlich. Wir haben nachgefragt, wie man digitale Transformation in der Lehre lebt und bei Lehrenden und Studierenden Neugier für digitale Prozesse weckt.

Frau Prof. Dr. Freitag, Sie sind als Prorektorin für Lehre und Weiterbildung an der Ruhr-Uni Bochum zuständig. Die digitale Transformation der Lehre ist unser heutiges Oberthema. Welche Schritte hat die RUB in diese Richtung bereits gesetzt?

An der RUB ist die Digitalisierung der Lehre schon lange vorangetrieben worden – vor allem von einzelnen Personen, Instituten und der Stabsstelle für Digitalisierung. Als ich vor knapp sechs Jahren Prorektorin wurde, habe ich daher ein sehr uneinheitliches Feld vorgefunden. Wir hatten zum einen tolle digitale Lehrveranstaltungen, die auch perfekt nach hochschuldidaktischen Aspekten aufbereitet waren. Dagegen gab es wiederum Kolleg*innen, die in ihrer Lehre noch nicht einmal Moodle verwendeten.  

Bevor wir dazu kommen, wie Sie diese Institute in Sachen Digitalisierung auf einen Nenner gebracht haben: Warum ist es für die RUB – beziehungsweise Hochschulen im allgemeinen – so wichtig, Studieren auch “digital” zu denken?

Für uns ist ganz wichtig: Wir digitalisieren nicht, weil wir “digitalisieren” wollen. Wir setzen diese ganzen Schritte, weil es Vorteile für die Lehre hat und Notwendigkeiten in der Lehre gibt, die aus der Digitalisierung erwachsen. Dabei gibt es unterschiedliche Anforderungen in den Studiengängen – “one size fits all” funktioniert in der Digitalisierung unserer Erfahrung nach nicht.

Wie ist die neue Digitalisierungsstrategie der RUB entstanden?

Ganz wichtig ist: Eine Digitalisierungsstrategie kann man nicht top-down machen. Stattdessen muss man gemeinsam mit den Betroffenen – in dem Fall den Studierenden – und den Personen, die die Strategie am Ende umsetzen – Lehrende, IT-Services, Verwaltung, Qualitätsmanagement –, ins Gespräch kommen. Wir haben die Personen, die schon viel in Richtung Digitalisierung gemacht haben, mit jenen zusammengebracht, die noch etwas skeptischer waren. Dadurch erzeugt man Austausch und Interesse für das Thema.

In Gruppen haben wir diesen Prozess über ein Jahr nach und nach durchgeführt. Mit den Studiendekan*innen und dem Senat wurden die Ergebnisse diskutiert und weiterentwickelt und nach rund anderthalb Jahren war das Strategiepapier fertig und ist beschlossen worden. Danach ging’s an die Verwirklichung dieser Punkte.

Neben den didaktischen Fragen war für uns auch folgende Überlegung sehr spannend: Wie verändert  die Digitalisierung die einzelnen Fachkulturen und wie kann man auch inhaltlich Themen wie Digital Humanities einbringen? Hier wollen wir Digitalisierung in gesellschaftliche Entwicklungen einbinden und die Vorteile und Probleme anschauen, die Digitalisierung für unsere Gesellschaft gebracht hat.

Die Vor- und Nachteile der Digitalisierung haben die letzten beiden Jahre Corona-Pandemie sehr gut aufgezeigt. Wie ist die RUB mit diesen Herausforderungen umgegangen?

Damals haben wir innerhalb von fünf Wochen 95 % unserer Lehre auf online umgestellt. Das hat vor allem durch unser Zentrum für Wissenschaftsdidaktik als zentrale Anlaufstelle für e-Didaktik sehr gut funktioniert. Trotzdem ist natürlich vieles aus der Not heraus entstanden und die Grenzen der Fernlehre haben sich gezeigt. Heute ist es wichtig, von all diesen Experimenten eine Bestandsaufnahme zu machen und die Lehre strategisch weiterzuentwickeln.

Welche digitalen Tools funktionieren auch im Lehralltag „nach” Corona? Diese Bestandsaufnahme macht die RUB jetzt. – Foto: Chris Montgomery, Unsplash

Digitale Kompetenzentwicklung ist eines der Themenfelder in der Digitalisierungsstrategie der RUB. Wie fördert Ihre Hochschule bei Lehrenden und Studierenden Neugier für digitale Lehre?

Wir setzen hier sehr stark auf Unterstützung – durch unser Zentrum für Wissenschaftsdidaktik, das extrem viel Hilfe und Anregungen liefert, und durch Studierende, die zu E-Tutor*innen ausgebildet werden und den Lehrenden zur Seite stehen. Das hat bei uns bereits eine lange Tradition, denn E-Learning und E-Kompetenz sind Bereiche, in denen Studierende oft sehr fit sind und sich interessieren. Jedes Jahr veranstalten wir deshalb auch unseren E-Learning-Wettbewerb “5x5000”, in dem Studierende digitale Lehr-Innovationen bewerten und prämieren.

Welche Rolle spielt Inklusion in der Digitalisierung einer Hochschule? Mit welchen digitalen Maßnahmen kann man Chancengleichheit fördern?

Dank digitaler Tools kann man Zeit und Raum überwinden, anders als in Präsenz. Insofern werden wir auch in Zukunft große Lehrveranstaltungen mit wenig Interaktion aufzeichnen und asynchron zur Verfügung stellen werden. Durch Streaming stehen auch regional und international viele Möglichkeiten offen: Man kann Co-Teaching oder Virtual Exchanges mit anderen Regionen machen und Studierendengruppen zusammenbringen. 

Im Sinne der Inklusion von Studierenden mit Beeinträchtigungen haben wir bei unserem Equipment, das Texte vergrößert, vorliest etc., nachgerüstet. Auch da hat die Universität gelernt, dass es großen Aufholbedarf gibt. Mit unserer Behindertenbeauftragten sind wir dabei, diese Angebote weiter auszurollen und bekannter zu machen. Da haben wir noch ein Stück zurückzulegen.

Digitalisierung an der Hochschule ist ein großer Change-Management-Prozess. Wenn Sie an die Zukunft der Ruhr-Uni Bochum denken: Wie soll das Studieren und Lehren an der RUB in einigen Jahren aussehen?

Ich denke, dass sich nicht geändert hat, was wir als Ziel in unserer Digitalisierungsstrategie festgeschrieben haben: Wir wollen ein wohl durchdachtes Konzept des Blended Learnings haben. Die vielfältigen Möglichkeiten der Digitalisierung sollen reflektiert genutzt werden, zum Beispiel für das asynchrone Streamen oder das Vor- und Nachbereiten über digitale Tools. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass an einer Universität, die Präsenz, bei der man im Moment der Diskussion um Einsichten ringt und Erkenntnisse produziert, nicht zu ersetzen ist.  

Deshalb sollen auch in Zukunft Digitalisierung und Präsenz reflektiert genutzt werden. Anstatt als Standard-Vorgehensweise Lehrveranstaltungen in Präsenz anzubieten, müssen sich Lehrende die Frage stellen: Was ist die beste Art, diese Vorlesung abzuhalten? Wie kann ich meine LV für alle meine Studierenden – egal ob Berufstätige, Beeinträchtigte oder Vollzeit-Studierende – zugänglich machen?

Prof. Dr. Kornelia Freitag – Foto: RUB, Marquard

Prof. Dr. Kornelia Freitag ist 2002 als Professorin für Amerikanistik an die Ruhr-Universität Bochum berufen worden. In den Jahren danach war sie Dekanin der Fakultät für Philologie und Sprecherin für die Geisteswissenschaften in der RUB-Research School. 2016 wurde sie Prorektorin für Lehre und Weiterbildung und widmete sich unter anderem der Digitalisierungsstrategie für die Lehre an der RUB. Mit über 40.000 Studierenden ist die Ruhr-Universität Bochum unter den zehn größten öffentlichen Universitäten Deutschlands.

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