Wie funktioniert Blended Learning? – Claudia Mössenlechner im Gespräch

Ein Mix aus Präsenzlehre und Online-Unterricht, flexibel und interaktiv – so könnte man Blended Learning definieren. Claudia Mössenlechner arbeitet an innovativen Learning Solutions am Management Center Innsbruck. Sie erzählt von den Online-Studiengängen am MCI, vom Potenzial der digitalen Lehre und davon, dass Lehrende durch digitale Methoden NICHT ersetzt werden.

von Isabella Zick
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2014 wurde am Management Center Innsbruck (MCI) der ersten Online-Studiengang ins Leben gerufen: BWL-Online. Der Beginn dieses Studiengangs war auch der Startschuss für Claudia Mössenlechners Department für Learning Solutions. Mit ihrem sechsköpfigen Team von Designer*innen und Didaktiker*innen sorgt sie seitdem für einen reibungslosen Ablauf in der Online-Lehre, Schulungen im Bereich Blended Learning und Lerninhalte mit dem gewissen Etwas.

Mössenlechner ist Expertin für digitale Lernmethoden, die regelmäßig ihren Weg in die Lehrveranstaltungen der mittlerweile acht Online-Studiengänge finden. Im Interview erklärt sie, wie Blended Learning am MCI funktioniert und welches Potenzial diese neue Art des Studierens hat:

Claudia, seit 2014 bist du Leiterin des Departments für Learning Solutions am MCI. Wie war der Stand der digitalen Lehre am MCI vor deinem Antritt?

Als wir unseren ersten Online-Studiengang starteten, wurde uns schnell bewusst, dass wir die Technologien die wir bereits im Haus haben, noch stärker nutzen müssen. Die klassischen Lern-Management-Systeme kamen nämlich nur sehr einseitig zum Einsatz. Sprich: Man stellt Unterlagen zur Verfügung, macht Abgaben oder lässt Prüfungen online einsammeln. Durch die rasanten digitalen Entwicklungen wurde uns klar: wir müssen diese digitale Welt nützen. Nicht nur die Technologie, sondern die Digitalisierung als Lebenswelt begreifen, die sich immer mehr in die analoge Welt hinein drängt und ergänzt. Seitdem versuchen wir, diese digitale Lebenswelt auch in die analoge Welt zu holen und die Lehre damit zu ergänzen.

Wie kann man sich diese digitale Lebenswelt in der Lehre vorstellen? Wird Lehre mit digitalen Mitteln besser?

Gute Lehre ist gute Lehre – unabhängig davon, wo diese stattfindet. Gute Lehre baut auf dem Support von Studierenden, auf der Bereitstellung und Lehre aktueller Inhalte. Allerdings müssen wir je nach Umfeld – digital oder analog – die Rollen, die wir als Lehrende einnehmen, verändern. Die Rollen sind immer dieselben, aber die Ausprägungen verändern sich.

Es gibt vier Rollenbilder als Lehrende, wenn wir unterrichten:

  • Der/die Vortragende: das klassische Bild einer Vorlesung
  • Der/die Trainer*in: eine unterstützende Rolle
  • Der/die Moderator*in: der Ermöglicher, moderierend in Gruppenarbeiten, Diskussionen
  • Der/die Coach*in: sehr personalisierter Support von Studierenden
Studiengänge wie BWL-Online werden ja nicht als reine Online-Studiengänge, sondern als Blended-Learning-Programme geführt. Was bedeutet Blended Learning am MCI?

Blended Learning ist ein Mix aus tatsächlicher Präsenzlehre und Online-Inhalten. Für unsere acht Online-Studiengänge bedeutet das 70 % und mehr Online-Lehre. Die restliche Zeit teilt sich auf Präsenztage am Beginn und am Ende des Semesters auf. Warum? Weil Lernen immer auch ein sozialer Prozess ist. Das heißt, wir lernen am besten, wenn wir uns mit anderen austauschen und gemeinsam Probleme lösen. Zur Online-Lehre: Bei uns teilt sich die Online-Lehre auf drei große Säulen auf, die wir über unser Lernmanagement-System Sakai bespielen. Diese Säulen sind Gruppenarbeiten – das Online-Zusammenarbeiten in Echtzeit oder zeitversetzt –, das eigenverantwortliche Selbststudium und die klassischen Webinare.

Lernen ist ein sozialer Prozess, deshalb sind die Präsenztage im Blended-Learning-Studium besonders wichtig. - Foto: Studo

Gibt es neben dem sozialen Kontakt mit den Studienkolleg*innen noch weitere Gründe für diese Präsenztage am Beginn und am Ende des Semesters?

Ja, und zwar dass es  kein zu hundert Prozent sicheres Prüfungssystem für Online-Prüfungen gibt. Wenn man schriftliche Prüfungen abhält, dann gibt es natürlich sogenannte Proctoring-Systeme, die sind sehr vielschichtig aufgebaut. Da versucht man auch wirklich alle Eventualitäten sicherzustellen. Aber natürlich ist es noch besser, wenn die Leute vor Ort sind. Um unseren Online-Studiengängen auch dieses Qualitätssiegel geben zu können, haben wir Abschlussprüfungen und so weiter immer vor Ort.

Digitale Elemente in das Studium einzubauen braucht auch immer Feedback von jenen, die sie dann auch nutzen. Wie wurden Lehrende und Studierenden bei der Umsetzung digitaler Lösungen miteinbezogen?

Eine wichtige Kernaufgabe der Learning Solutions ist die Unterstützung der Lehrenden. Das heißt, wir haben Schulungsprogramme für Lehrende aufgesetzt, um ihnen die Programme zu erklären und auf Basis ihrer Rückmeldungen weiterzuentwickeln. Für Studierende haben wir Websites gebaut, auf denen sie Tipps und Tricks zur Selbstorganisation und zur digitalen Lehre finden. In der ersten Präsenzphase der Online-Studiengänge helfen wir auch den Studierenden, mit den Tools zurechtzukommen. Wir geben Ihnen einen kurzen Einblick, was für das Selbststudium wichtig ist. Und da bekommen wir viele Rückmeldungen, die wir dann auch wieder in Konzepte verbauen.

Wie stehen die Lehrenden zu dem neuen Metier der Learning Solutions? Unterrichten sie lieber online oder in Präsenz?

Es ist ein neues Metier und nach wie vor sind die Meinungen da gespalten. Es gibt Lehrende, die sehr schnell an Bord sind und auch gerne mit der Technologie umgehen. Und es gibt Lehrende, die sich in Präsenz wohler fühlen, weil sie diesen direkten Kontakt als sehr nützlich für die Lehre empfinden. Wenn bei Lehrenden die Angst besteht, dass sie durch Technologie ersetzt werden, betonen wir immer: Es verändert sich die Art und Weise des Unterrichts, aber du kannst niemals ersetzt werden, wenn du deine Rollen als Trainer*in, Coach usw. einnimmst.

Es ist verständlich, dass gerade am Anfang auch ein bisschen Zurückhaltung da ist. Wenn man die Programme dann aber kennt, gibt es doch sicher die Möglichkeit, die digitalen Plattformen an die eigenen Anforderungen anzupassen, oder?

Dieses Personalisieren ist ein ganz wichtiger Punkt! Wir haben eigene Instructional Designer im Team, die sich in Pädagogik und Online-Lehre sehr, sehr gut auskennen. Mit deren Hilfe können Lehrende ihre LMS-Seiten individualisieren und Lernpfade herausarbeiten. Ein Lernpfad sind die einzelnen Schritte, die man als Lernender durchmacht, wenn man sich etwas aneignet. Das könnte zum Beispiel zu Beginn ein Überblick über das Thema sein, dann Fallbeispiele, Infos und Querverbindungen zu anderen Themen. Personalisiert heißt immer auf das eigene Leben und auf die auf die Praxis bezogen und strukturiert in der Vorgehensweise.

Von welchen Hochschulen oder Unternehmen holst du dir Inspiration für Learning Solutions?

Ich beobachte den Markt ganz, ganz gut. Es gibt viele große Plattformen, die ich sehr gut finde und inspirierend als Unternehmen. Das sind zum Beispiel Unternehmen wie FutureLearn oder Plattformen wie Teachable, aber auch Anbieter von MOOCs. Es gibt einige Universitäten in Australien, die schon ganz, ganz lange in der Online-Lehre tätig sind, die ich sehr inspirierend finde. Es gibt auch Webseiten wie e-teaching.org oder das Hochschulforum Digitalisierung, die ganz tolle Communities haben. Das Forum Neuer Medien in Österreich ist eine Community, in der sich alle Hochschulen zusammenschließen, um über Lehre und Online-Lehre zu zu philosophieren und gemeinsam zu konzipieren. Das sind Communities, wo man sehr viel Inspiration bekommt. 

Was ist deine Zukunftsvision der digitalen Lehre am MCI?

Für uns ist es wichtig, beide Welten – online und Präsenz – gut zu bespielen und miteinander sprechen zu lassen. Ich möchte da nicht von einem Entweder-Oder sprechen, sondern von einem AUCH und einem UND. Denn die Studierenden suchen die Flexibilität zeitlicher Art und in der Örtlichkeit. Und das ist schon etwas, das wir weiter noch viel stärker ausbauen werden. 

Welches Potenzial hat die digitale Lehre in Österreich?

Potenzial ist das eine, Notwendigkeit ist das andere. Ich glaube, dass sich das Hochschulwesen in Österreich immer mehr in Richtung Hybrid entwickeln wird und muss. Hybrid heißt, dass Hochschulen digitale und Präsenzlehre anbieten. Dass das funktioniert, haben wir in den letzten Monaten gesehen. Ich glaube, dass sich die Hochschulen immer mehr als hybride Wesen entwickeln werden und sich da auch der internationalen Konkurrenz stellen. Wir haben sehr viele gute Hochschulen mit guten Fachrichtungen, mit denen wir im internationalen Wettbewerb auf jeden Fall bestehen können.

Das Studo-Team zu Besuch bei Claudia Mössenlechner am Management Center Innsbruck. - Foto: Studo

Claudia Mössenlechner ist Professorin und Leiterin des Departments für Learning Solutions am MCI Innsbruck. Sie ist seit rund 20 Jahren im Bereich der Lehre und der Hochschulbildung tätig. Ihre Kurse und Coachings konzentrieren sich auf Sprache, Kommunikation und Führung. Für ihr Projekt „ePortfolio & Digital Competencies“ wurde sie 2018 mit dem Internationalen E-Learning Award ausgezeichnet.

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