Studierende und Hochschule: So entsteht eine aktive Gemeinschaft

Die digitale und soziale Vernetzung von Studierenden steht im Zentrum des Forschungsprojekts „On Track!”. Wie das Salzburger Projekt eine aktive Studierendengemeinschaft fördert und wie Studierende und Hochschule davon profitieren, erfahren wir im Interview mit Stv. Projektleiter Dr. Stefan Reiß.

von Isabella Zick
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Dass soziale Interaktion im Studium essentiell ist, haben die vergangenen digitalen Semester eindeutig gezeigt. Dabei wirkt sich das Zusammenkommen von Studierenden nicht nur positiv auf die Gemüter aus, sondern beeinflusst sogar den Studienerfolg und die persönliche Weiterentwicklung. Ein Projekt, das sich der Vernetzung von Studierenden auf digitaler und sozialer Ebene widmet, ist „On Track!”. Das durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) geförderte Projekt der Universität Salzburg arbeitet seit rund einem Jahr daran, eine aktive Gemeinschaft an der Hochschule zu fördern. Wie das gelingt, erzählt Stv. Projektleiter Dr. Stefan Reiß im Interview.

Herr Dr. Reiß, warum ist eine Beziehung zwischen Studierenden wichtig und welche Bedeutung hat diese Vernetzung für den oder die einzelne*n?

Die Zeit an der Universität – für die meisten ist das ja im Alter zwischen 18 und 25 Jahren – ist eine ganz formative Zeit. In der Persönlichkeitsentwicklung geht man da einen ganz großen Schritt. Man löst sich von der Identität als Schüler*in, zieht zu Hause aus und baut sich neue Freundeskreise auf. Deshalb ist es sehr wichtig, in dieser Zeit soziale Vernetzung zu schaffen.

Kann eine soziale Vernetzung mit anderen Studierenden auch den Studienerfolg positiv beeinflussen?

Das ist eine der großen Hypothesen von „On Track!”. Wir wollen die Studienaktivität fördern. Das geht nicht, indem wir die Studierenden dazu zwingen, mehr zu lernen und mehr ECTS zu absolvieren. Der treibende Faktor ist die Motivation. Bei Motivation gibt es ein Spektrum – von totaler Demotivation über externale Motivation bis intrinsischer Motivation.

Das heißt, das Geheimnis hinter Studienerfolg ist die Motivation?

Es ist besonders motivierend und erfolgsversprechend, wenn man von sich selbst aus den inneren Antrieb hat, zu lernen und Vorlesungen zu besuchen. Dann spricht man von intrinsischer Motivation. Diese Art der Motivation funktioniert vor allem dann, wenn man sich sozial zugehörig fühlt und man sich mit der Hochschule und ihren Werten und Idealen identifiziert. Auch auf der Ebene der Fachrichtung ist das ein Thema: Wie identifiziere ich mich mit den Inhalten im Studium und den Leuten, mit denen ich da täglich zu tun habe?

Wie hält man im Studium – über Jahre hinweg – die Motivation hoch?

Das Studium ist ja nach der Bologna-Reform wie ein Vollzeit-Job, wenn man in Regelstudienzeit studiert. Das Thema Motivation gilt im Studium genauso wie für den Arbeitsplatz: Wenn ich eine Arbeit habe, die meinen Werten entspricht und wo ich mich autonom und kompetent fühle, dann werde ich darauf viel mehr Lust auf die Arbeit haben, motiviert sein und meine Leistung bringen.

Was ist der aktuelle Status Quo in Österreich beim Thema sozialer Vernetzung von Studierenden?

Die ÖH beziehungsweise die lokalen HVs und Studienvertreter*innen haben schon immer sehr viel gemacht, um die Vernetzung an der Uni zu fördern und damit sich Studis auch außerhalb von Hörsälen kennenlernen. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Der Großteil der sozialen Vernetzung passiert nicht während der Vorlesungen, sondern dazwischen. Man trifft sich vor der Vorlesung auf einen Kaffee, geht zusammen Mittagessen oder danach etwas trinken. Diese kleinen Momente, wo man kurz beisammen steht und sich kennenlernen kann, sind es, was das Studium dann so toll macht.
Durch Corona ist das leider ein Stück weit flöten gegangen. Das Kennenlernen und Kontakthalten funktioniert durch die Abwesenheit an den Universitäten leider nicht so gut.

Beim gemeinsamen Lernen oder einfach bei einem Getränk nach der Vorlesung: Studierende knüpfen am Campus leicht Kontakte. - Foto: Ivan Samkov, Pexels

Sie haben vorhin schon den Faktor Studienaktivität genannt, der für Hochschulen natürlich sehr wichtig ist. Wie genau profitiert da eine Hochschule von einer aktiven Studierendengemeinschaft?

Wir haben da idealerweise eine Win-Win-Situation: Im Fall unseres Projekts profitieren die Fachbereiche davon, dass die Studierenden mehr ECTS belegen und sich reger am Unterricht beteiligen. Von den Studierenden wollen wir natürlich nicht nur ihre ECTS, sondern dass sie durch die Identifikation auch mehr Spaß am Studium haben. Die Bedürfniserfüllung von sozialer Zugehörigkeit und Kompetenzempfinden, von Selbstbestimmtheit, sich als Person entwickeln zu können – das ist so gar nicht in Zahlen fassbar, spielt für Studierende aber eine sehr große Rolle.

Das Projekt „On Track!” ist eines der 35 Projekten für digitale und soziale Transformation des BMBWF. Was hat euch zum Thema des Projekts inspiriert?

Das BMBWF wollte 2019 eine große Digitalisierungsinitiative für das Bildungswesen starten. Der Fokus lag da nicht nur auf der technischen Infrastruktur, sondern auch auf der sozialen Dimension. Sprich, dass Digitalisierung nur dann Sinn macht, wenn die Menschen noch im Mittelpunkt stehen. Die großen Beweggründe für uns waren, dass Digitalisierung an den Universitäten immer noch so ein Randthema war. Viele LVs waren nicht digitalisiert oder überhaupt digital unterstützt. Was sich daraus ergeben hat, war ein großes Problem der Chancengleichheit. Wenn es keine digitale Unterstützung gibt – zum Beispiel, wenn es außer Präsenz keine Konversationsmöglichkeiten gibt – werden ganz spezifische Gruppen einfach strukturell benachteiligt. Das sind Pendler*innen, Berufstätige, Personen mit Betreuungspflichten, Personen mit Behinderungen und sozioökonomisch schwächer gestellte Personen. Das ist einfach nicht fair, wenn diesen Gruppen der Zugang zum Studium so erschwert wird, wenn das eigentlich so einfach zu lösen wäre.

Ein Beispiel für ein besonders erfolgreiches Programm von „On Track!” ist das Erstsemestrigen-Mentoring. Was genau passiert da?

Unser Mentoring-Programm zielt darauf ab, Studierende im ersten Semester (über alle Fachbereiche und Fakultäten hinweg) als Mentees zu unterstützen. Sie kommen an die Uni, kennen sich oft mit den Strukturen und dem Uni-Leben noch nicht so aus, und bekommen dann eine*n Mentor*in an die Seite. Das sind höhersemestrige Studierende, die die Mentees unter ihre Fittiche nehmen und sie bei allem, was im ersten Jahr so an Herausforderungen anfällt, unterstützen. Dieses Programm ist wahnsinnig beliebt: Wir haben 200 Plätze für Mentees und 200 für Mentor*innen; diese LV ist eigentlich immer überbucht und die Anfragen übersteigen unsere Kapazitäten nach wie vor bei weitem. Das zeigt aber auch, dass da ein großer Bedarf herrscht und wie beliebt das Programm ist.

Das Erstsemestrigen-Mentoring hilft Studierenden, ins Uni-Leben hineinzufinden. Foto von: Charlotte May, Pexels

Was war die bisher spannendste Erkenntnis, die Sie aus wissenschaftlicher Sicht aus dem Projekt gezogen haben?

Wir haben ganz zu Beginn des Projekts eine große Studierenden-Befragung durchgeführt, um zu erfahren, welche Variablen besonders mit Motivation und Studienerfolg von Studierenden zusammenhängen. Ein Punkt, der da konsequent aufscheint, ist ein sogenanntes „akademisches Selbstkonzept” – also das Gefühl, dass man auch wirklich etwas kann und an der Uni richtig ist – und die soziale Zugehörigkeit. Je mehr sich die Leute zu anderen Studierenden und zur Uni zugehörig fühlen, desto höher ist die Motivation. Das sind große Stellschrauben, mit denen man arbeiten kann, um von einer externalen zu einer intrinsischen Motivation zu kommen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Stefan Reiß promovierte 2019 im Fachbereich Psychologie der Universität Salzburg. Dort ist er nach wie vor in der Abteilung Sozialpsychologie tätig – unter anderem im aktuellen Forschungsprojekt „On Track – Aktiv studieren durch die Verknüpfung digitaler und sozialer Welten“. Hier ist er für die Community-Networking-Plattform (CoNeP) und die wissenschaftliche Evaluierung der Arbeitspakete zuständig. Unter anderem beschäftigt er sich im Projekt mit der Frage, wie Studierende lernen können „besser zu scheitern“ und mit Misserfolgen konstruktiv umzugehen. Außerdem werden Wege untersucht, Studierende online und „im echten Leben“ im Studium zu begleiten und so soziale Zugehörigkeit zu fördern.

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