Ein Jahr Corona: Was haben Lehrende gelernt?

Von „Emergency Remote Teaching” hin zu einer langfristigen Digitalisierungsstrategie in der Hochschullehre. In diesem Blogpost werfen wir einen Blick zurück auf den Beginn der Pandemie und fragen nach: Was haben Lehrende in einem Jahr Corona gelernt?

von Isabella Zick
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In unserer Blogserie „Ein Jahr Corona: Was haben wir gelernt?” haben wir bisher über die gelernten Lektionen von Hochschulen, Studierenden und von Studo berichtet. In diesem Beitrag widmen wir uns einer Gruppe im Hochschul-Ökosystem, die bisher kaum diskutiert wurde: den Lehrenden.

„Emergency Remote Teaching” stand im März 2020 auf dem Programm. Wie digitale Lehre von heute auf morgen im Frühjahr 2020 umgesetzt werden konnte, welche Erfolge in der Lehre verbucht werden konnten und wie sich die Lehrenden den Hochschul-Alltag „nach der Pandemie” vorstellen, haben wir hier zusammengefasst.

Von heute auf morgen: Emergency Remote Teaching

Innerhalb kürzester Zeit mussten Hochschullehrende im Frühjahr 2020 Lehrinhalte digital bereitstellen. Dieses „Emergency Remote Teaching” steht im krassen Gegensatz zur „systematisch und langfristig geplanten Entwicklung und Durchführung von Online-Lehre” wie sie im Sinne der Digitalisierung der Hochschullehre an Fernuniversitäten oder an Online-Studiengängen vorangetrieben wird. Doch im März 2020 drängt die Zeit. Von heute auf morgen wird auf Distance Learning umgesattelt. Wie ist das den Lehrenden gelungen? Der Stifterverband, die Universität Hamburg und die Universität Freiburg sind dieser Frage unter anderem auf den Grund gegangen. 

Im Diskussionspapier „Hochschulen, Corona und jetzt?” des Stifterverbands wurden 1800 Lehrende an deutschen Hochschulen befragt. Die Umstellung von Präsenz- auf Fernunterricht gelang laut dieser Befragten sehr gut: 89 % der befragten Lehrenden gaben an, dass innerhalb von 30 Tagen Präsenz-Lehrveranstaltung in digitale Formate umgewandelt werden konnten. 54 % der Befragten gelang das sogar in nur zwei Wochen. Besonders gut funktionierte der Umstieg von Präsenz ins Digitale mit den klassischen Vorlesungen und Seminaren. Weniger gut bewertet wurden Lehrangeboten in Kleingruppen bzw. mit großem Praxisanteil – zum Beispiel Laborübungen – und Prüfungen.

Übungen mit hohem Praxisanteil – zum Beispiel im Labor – konnten in den Online-Semestern nur vereinzelt abgehalten werden. - Foto: ThisIsEngineering, Pexels

Für die rund 600 befragten Lehrenden der Universität Freiburg war die persönliche Umstellung von Präsenz auf digitale Lehre eine größere Herausforderung. Auch von dem hohen zeitlichen Aufwand – 84 % meldeten einen „(sehr) hohen” Zeitaufwand im Vergleich zu vergangenen Semestern – wurden die Lehrenden überrascht: denn die neuen Lehrformate galt es erstmals kennenzulernen und die digitalen Plattformen mit Lehrinhalten zu befüllen.

Neue didaktische Lehrformate

Corona sorgte für einen enormen Digitalisierungsschub – da ist man sich im Hochschulsektor einig. Über die Hälfte der vom Stifterverband befragten Lehrenden gaben an, ihre Hochschule verfüge seit der Corona-Krise über digitale Lehrkonzepte. Zum Vergleich: vor der Pandemie sagten nur rund 16 % der Lehrenden an Universitäten und 25 % der Lehrenden an Fachhochschulen, dass es ein digitales Lehrkonzept gibt.

Neben der klassischen Präsenz-Vorlesung, die online gestreamt wird, gibt es natürlich noch eine Vielzahl an digitalen Lehrformaten, die während der Corona-Krise erstmals im großen Stil ausprobiert wurden. Klassische Lernmanagement-Systeme verloren etwas an Bedeutung, während Videokonferenzsysteme zu den großen Aufsteigern der Krise zählen. Das gaben die rund 500 befragten Lehrenden der Universität Hamburg an. Auch an der Universität Freiburg war schnell klar: es braucht noch mehr Lizenzen für Videokonferenz-Software und einen Ausbau der Bandbreite für den Online-Unterricht. „Es fehlte initial an Bandbreite bzw. Lizenzen, um Videokonferenzen durchzuführen. Hier muss massiv investiert werden“, so die Rückmeldung von Freiburger Lehrenden.

Infrastruktur und Lernerfolg als Ziele der Lehrenden

Technische Stabilität war auch für die Lehrenden an der Universität Hamburg das oberste Ziel im digitalen Sommersemester 2020. Knapp gefolgt von einem „kontinuierlichen Besuch der Studierenden” (81 %), „Zufriedenheit der Studierenden” (79 Prozent), „Lernerfolge bei den Studierenden” (77 %) sowie dem Erreichen der Ziele wie in der Präsenzlehre vor der Krise (70 %).

Essenziell für erfolgreiche digitale Lehre: die technische Infrastruktur bei Lehrenden und Studierenden. - Foto: Karolina Grabowska, Pexels

Um denselben Lernerfolg in der digitalen Lehre wie in Präsenz zu erreichen, ist es notwendig, eine Vielfalt an Lehr- und Lernformen einzusetzen und die digitale Kollaboration zu fördern. So berichtete E-Learning-Expertin Claudia Mössenlechner in unserem letzten Blogpost „Ein Jahr Corona: Was haben Hochschulen gelernt?” vom Ziel der Medienvielfalt im Unterricht: „Am Beginn der Pandemie setzte man schnell auf das Webinar. Die Frage ist, wie interaktiv ist das? Werden die Studierenden aktiviert? Für erfolgreiche digitale Lehre muss der Frontalunterricht online durch asynchrone Elemente ergänzt werden.”

Gegenbewegung: Verteidigung der Präsenzlehre?

Eine „vorsichtige, schrittweise und selbstverantwortliche Rückkehr zu Präsenzformaten” forderten im Juni 2020 rund 2000 deutsche Hochschul-Dozierende in einem offenen Brief. Es entstand ein Bild der Ablehnung gegenüber digitaler Bildung und von Mangel an digitalen Kompetenzen. Auch in der Befragung der Universität Freiburg äußerten sich Befürworter*innen der Präsenzlehre: „Dass wir das Beste aus allem gemacht haben und dank hochmotivierter Studierender gute Lehre durchgeführt haben, darf nicht zu der Schlussfolgerung führen, dass digitale Lehre Präsenz ersetzen kann.”

Die Studie des Stifterverbands zeigt aber, dass „die Mehrheit der Lehrenden der digitalen Lehre positiv gegenüber steht. Sie verfügt über die benötigten Digitalkompetenzen und hat Zugang zu einer adäquaten technischen Infrastruktur.”

Es hat sich im Laufe dieses Corona-Jahres gezeigt, dass digitale Elemente in der Lehre nicht nur eine kurzfristige Erscheinung sind, sondern auch langfristig Teil der Hochschullehre sein werden. Neue Lehrmethoden wie Blended Learning sind bereits an einigen Hochschulen Alltag – hier ist das Potenzial auch in Zukunft sehr groß. Grundvoraussetzung dafür: die entsprechende Infrastruktur, die Unterstützung von Seiten der Hochschule und die Bereitschaft und Kompetenz von Lehrenden und Studierenden. Dann ist erfolgreiche digitale Lehre möglich.

Quellen:

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